«Ich habe mehrere RLS-Patienten, die sehr gut auf eine Cannabis-Therapie ansprechen»

Cannabis kann sehr viele Krankheiten mildern. Dank Cannabis reduzieren viele Patienten ihren Medikamenten-Cocktail. Und Cannabis ist ein sicheres Medikament. Das ist das Fazit der internationalen SACM-Tagung in Bern vom 19. Januar 2019 mit dem Thema «Medizinal-Cannabis heute und morgen».
Von Gerhard Girschweiler

«RLS kann eine sehr dankbare Indikation für Cannabis sein. Ich habe mehrere RLS-Patienten, die sehr gut auf eine solche Therapie ansprechen», erklärt Dr. Franjo Grotenhermen auf Anfrage. Dr. Grotenhermen führt eine eigene Arztpraxis in Rüthen, Deutschland. Er ist Gründer und Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin. In seinem Vortrag an der SACM- Tagung (Schweizerische Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin) prägte Grotenhermen  den Begriff «Das Cannabis-Dilemma». Er betonte, dass Cannabisprodukte keine Medikamente wie alle anderen seien:
1. Cannabisprodukte sind für jeden leicht verfügbar, wenn sie nicht verboten sind. Patienten müssen nicht darauf warten, bis pharmazeutische Unternehmen ihre Moleküle auf den Markt gebracht haben. Daher stellt sich die Frage, mit welchen Begründungen Regierungen den Zugang zu diesem Heilmittel verbieten können.
2. Cannabisprodukte sind keine Medikamente wie alle anderen, da es nicht ausreicht, grosse klinische Studien für 2, 5 oder 10 Indikationen durchzuführen, um ihr gesamtes therapeutisches Potenzial auszuschöpfen. Daher stellt sich die Frage, wie viele Jahrzehnte wir Patienten warten lassen dürfen, bevor wir für alle Indikationen eine gute Datenlage haben

«Medical Cannabis Declaration» in Anlehnung an die Menschenrechts-Erklärung

In Anlehnung an Artikel 3 der Menschenrechts-Erklärung der Vereinten Nationen («Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person»), schlägt

Dr. Franjo Grotenhermen
Dr. Franjo Grotenhermen fragt: „Wie viele Jahrzehnte lassen wir Patienten warten , bevor wir für alle Indikationen eine gute Datenlage haben.“

Grotenhermen eine «Medical Cannabis Declaration» vor: «Jeder Arzt hat das Recht, seine Patienten nach den Regeln guter medizinischer Versorgung mit Cannabinoiden und Cannabis zu behandeln. Jeder Patient hat das Recht auf einen Zugang zu Cannabis und Cannabinoiden zur medizinischen, ärztlich begleiteten Behandlung unabhängig von seiner sozialen Stellung, seines Lebensstandards oder seiner finanziellen Möglichkeiten.»

RLS, die vergessene Krankheit – auch bei der Cannabis-Therapie

Zahlreiche Mediziner und Forscher präsentierten Forschungsergebnisse zu vielen Krankheiten, bei denen Cannabis eine hilfreiche Therapie sein kann, darunter MS, Parkinson, Tourette-Syndrom… Keiner der Redner erwähnte jedoch RLS (Restless Legs Syndrom). Und die Krankheit erschien auch nie auf den Listen in den Präsentationen. RLS wird leider immer noch vergessen, obwohl es laut Fachleuten die zweithäufigste neurologische Krankheit ist nach der Migräne. Bis 10 Prozent der Bevölkerung weltweit sind von dieser üblen Krankheit betroffen. Drei Prozent der Gesamtbevölkerung muss medikamentös therapiert werden. Das sind alleine im deutschsprachigen Raum gegen drei Millionen Menschen.

Sind mehr Studien über die medizinische Wirkung von Cannabis überhaupt nötig?

Julie Dumouchel, Direktorin «Clinical Research at Canopy Health Innovations» in Kanada sagte, dass Cannabis-Produkte schon für eine sehr lange Zeit für therapeutische Zwecke eingesetzt werden und dass diese auch gut dokumentiert seinen. Allerdings müsse man klinische Studien für die vielen Indikationen durchführen. Doch die weltweit aktuelle Situation von sehr unterschiedlichen Regulierungen in den Ländern, mache die Sache nicht einfach.

Professor Mark Ware von Canopy Growth Corportion in Kanada wies ebenfalls auf das grosse klinische Potential hin und gleichzeitig hätten die Cannabis-Produkte sehr wenige unerwünschte Effekte. In einer Studie habe man herausgefunden, dass Cannabis rund 10 Mal weniger Nebenwirkungen produziere als z.B. Opioide oder Pregabalin (das auch gegen RLS verschrieben wird). Auch er sieht die Problematik der fehlenden klinischen Studien. Statt teure, aufwändige klinische Studien durchzuführen, auf welche die Patienten (zu) lange warten müssen, schlägt er vor, Cannabis freizügig an Patienten abzugeben und diese mit der Beantwortung von Fragebögen zu begleiten.

Mehr Aufklärung und besserer Zugang nötig

Dr. Raquel Peyraube, Spezialistin für Endocannabinologie in Uruguay, das als erstes Land 2013 Cannabis liberalisierte, präsentierte eine Studie von «Monitor Cannabis Uruguay»: 45 % der Cannabis-Patienten therapieren sich selbst und nur 10 % durch Mediziner. 56 % informieren sich aus dem Internet und bloss 10 % bei Ärzten. Sie folgert daraus, dass Ärzte zu wenig informiert sind oder kein Interesse haben. Deshalb ist Information und Aufklärung bei Ärzten, Patienten, Politikern und der allgemeinen Öffentlichkeit dringend nötig.

Prof. Rudolf Brenneisen
Prof. Rudolf Brenneisen bedauert: Cannabis-Patienten erfahren in der Schweiz kaum Unterstützung.

Deutschland kennt seit 2017 ein Cannabis-Gesetz, das es allen Medizinern erlaubt, Cannabis als Medizin zu verschreiben und das Produkt ist in Apotheken erhältlich. In der Schweiz ist Cannabis nur unter bürokratischem Aufwand und sehr selektiv erhältlich. Deshalb bedauert Prof. Rudolf Brenneisen, der die SACM-Tagung organisiert hatte, dass in der Schweiz Cannabis-Patienten kaum Unterstützung erfahren. (siehe auch Zusammenfassung des Schweizer Fernsehens am Anfang des Beitrags).

SACM-Tagung vom 19.01.2019 in Bern mit diversen Präsentationen

4 Kommentare

  1. Corena Kroll
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    Ich hoffe die Schweiz folgt dem Vorbild Deutschlands recht bald

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  2. Corena Kroll
    Permalink

    Ich hoffe die Schweiz folgt bald dem Vorbild Deutschlands

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  3. Yorik Köhler
    Permalink

    Ich denke die Schweiz sollte noch viel weiter gehen,
    wir sollten uns, was unsere Forderungen anbelangt, nicht unterwürfig zeigen und den kleinen Finger für die ganze Hand halten. WIR haben Cannabis nicht verboten, die Verbrecher die das gemacht haben haben uns sogar kriminalisiert. Wir sehen die Sache leider mit Gehirn gewaschenen Augen, wir sind mit dem öffentlichen Bild „böse Einstiegsdroge“ das absichtlich erzeugt wurde, aufgewachsen. Wir wissen nicht mehr, es ist nicht mehr in unserem Bewusstsein, dass wir ein Menschenrecht auf die Medizin haben welche die Natur wachsen lässt.
    Das Problem ist das Cannabis bei so vielen Symptomen hilft, dass die benötigte Menge für alle denen es nützt gar nicht ohne Legalisierung zu bekommen ist. In Deutschland ist es leichter geworden Cananabis verschrieben zu bekommen, dh aber nicht das es leicht ist über einen Arzt ran zu kommen.

    hier steht recht kurz kompakt beschrieben welche Hürden es gibt trotz der Verbesserung der Gesetze.
    https://www.vapstore.de/medizinisches-cannabis-preis

    5g für 100-125 eu (wenn das stimmt was die da schreiben) sind unmöglich für Bedürftige privat zu leisten wenn sie Cannabis zur Linderung einsetzen aber es je nach spezifischer Problematik nur in höheren Dosen zB gegen Schmerzen hilft. Schwerst Kranke oder Schmerzpatienten brauchen teilweise die 5 g am Tag.

    Nur eine Legalisierung kann die Tatsache stoppen das jeder im unnötigen Produktionsprozess daran verdienen möchte, nur so kann ausreichend billig genügend Cannabis zur Verfügung stehen.
    Für die Pharmaindustrie wäre eine öffentliche, sichere, billige Verfügbarkeit ein finanzielles Desaster da es billiger viele andere Medikamente ergänzen (reduzieren) oder sogar obsolet machen würde.
    Cannabis ist leicht anzubauen, wächst überall und könnte die billigste Medizin sein die ohne „Weiterverarbeitung“ genau so lindert wie mit. Ich meine sogar, dass es so billig sein könnte dass die meisten auch ohne Krankenkasse oder Rezept es sich in nötiger Menge leisten könnten, wäre es legalisiert und hätten die Geschäftemacher da nicht die Finger drin. Sogar Testproben um zu ermitteln ob es hilft könnten kostenfrei abgeben werden, würde Verantwortung über dem Geschäft stehen.

    An Cannabis lassen sich die Unzulänglichkeiten unserer Gesundheitssysteme erkennen. All diese Probleme wären durch eine Legalisierung beseitigt. Der einzige Vorteil in Apotheken zu kaufen wäre die Qualitätskontrolle welche aber ganz sicher nicht diese aktuellen Preise rechtfertigt.
    Wir sollten fordern statt bitten. Verantwortung für Gesundheit ist nicht mit Gewinnmaximierung einer Industrie kompatibel.

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