Website-Icon RLS – Die vergessene Krankheit

„Die Dunkelziffer von RLS-Patienten dürfte hoch sein.“

good-night-1505195_1920
Ein Viertel aller Personen, die wegen Schlafstörungen ins Schlaflabor Fluntern kommen und eine Auswertung machen, leiden unter RLS.

Viele Personen, die unter dem Restless-Legs-Syndrom (RLS) leiden, wissen lange nicht, was mit ihnen los ist. Christian Neumann vom Zentrum für Schlafmedizin Schlaflabor Fluntern in Zürich sagt im Interview, wie es zur Diagnose kommt.

Zu Ihnen kommen Menschen wegen Schlafstörungen. Welchen Anteil Ihrer Patienten leidet unter dem Restless-Legs-Syndrom?
Christian Neumann: Von den knapp 500 Personen, die hier im Labor schlafen, weisen mindestens die Hälfte periodische Beinbewegungen auf. Wiederum etwa die Hälfte davon haben Restless-Legs-Beschwerden, das sind also 20 bis 25 Prozent oder 100 bis 125 Personen. Nicht alle davon sind behandlungsbedürftig.

Wie viele Personen brauchen keine Behandlung?
Mindestens ein Drittel dieser 100 bis 125 Patienten kommen ohne aus. Sie sind aber froh, wenn sie wissen, was mit ihnen los ist. Es gibt eine Erklärung für ihre Beinunruhe, und sie können sie einordnen und wissen, dass sie nicht schwer krank sind.

Wer zu Ihnen kommt, ist sich schon bewusst, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Wieviele Patienten kommen wegen RLS?
Nur fünf bis zehn Prozent kommen deswegen und wollen eine Behandlung. Ein Drittel bis ein Fünftel der Patienten sagen, sie schlafen schlecht. Bei ihnen ist RLS eine mögliche Erklärung.

Wie finden Sie denn heraus, dass es RLS ist?
Wenn ein Patient zum Beispiel über übermässige Tagesmüdigkeit klagt, bleibt er für eine Auswertung bei uns. Dabei werden unter anderem die Bewegungen während des Schlafes aufgezeichnet, auch Beinzuckungen. Treten solche auf, fragen wir den Patienten, ob er diese spürt. Bejaht der Patient und ergänzt beispielsweise, er spüre diese bereits vor dem Einschlafen, diagnostizieren wir Restless Legs. Erzählt der Patient hingegen von Unruhe im Körper oder im Kopf, wird es schwierig. Es gibt natürlich auch Mischungen von Ursachen wie Restless Legs und Depressionen oder Angst. Es stellt sich die Frage, welches Problem am stärksten zur Schlafunruhe beiträgt. Wir beginnen dann eben an einer Ecke mit der Behandlung.


Die aktuell gütigen Diagnosekriterien von Restless Legs hängen von der positiven Antwort auf folgende vier Fragen ab:

  1. Kennen Sie ein seltsames Gefühl, vorwiegend in den Beinen?
  2. Wenn ja: Tritt es eher abends bzw. nachts auf?
  3. Wenn ja: Haben Sie das Bedürfnis, sich zu bewegen, wenn das Gefühl auftritt?
  4. Wenn ja: Wird das Gefühl bei Bewegung besser?

Unter dem Syndrom leidet der Patient, wenn er ein Problem damit hat. Um eine Erkrankung handelt es sich, wenn der Patient nach einer entsprechenden Nacht müde ist.



Das klingt nicht nach einem besonders wissenschaftlichen Vorgehen.
Tatsächlich können wir oft nicht genau sagen, was der Auslöser für Schlafstörungen war, und entsprechend hoch dürfte die Dunkelziffer bei RLS sein. Mein Ansatz bei Diagnosen ist folgender: Auch wenn es letztlich hilft, dass man ein Leiden benennen kann, so bleibt doch die Hauptsache, dass wir Mittel und Wege finden, das Befinden des Patienten zu verbessern. Ich weiss, dass das wissenschaftlich gesehen nicht optimal ist. Es ist aber auch so, dass Krankenkassen und Unis uns zu einer Diagnose zwingen. Deswegen gibt es oft Fehldiagnosen oder anzweifelbare Diagnosen.

Worüber klagen die Patienten bei Ihnen in erster Linie?
Die meisten kommen wegen Tagesmüdigkeit.

Wieso sind Einschlafschwierigkeiten oder dergleichen weniger ein Thema?
Typischerweise haben sich Menschen mit RLS darauf eingestellt, dass es ihnen abends schlecht geht und dass Bewegung dagegen hilft. Wer es sich leisten kann, geht entsprechend spät zu Bett. Es gibt auch Menschen mit RLS, die tagsüber derart hyperaktiv sind, dass sie abends vor Erschöpfung in den Schlaf kippen. Wir hatten auch Fälle, bei denen durch die Behandlung einer Schlafapnoe entdeckt wurde, dass sie zusätzlich RLS haben. Sie kamen zu uns, weil sie tagsüber schläfrig waren und ausserdem schnarchten. Sind diese beiden Symptome behandelt, bekommen die Patienten nachher Schlafprobleme. Das ist statistisch sogar recht häufig.

Wie aber können Sie mit letzter Sicherheit feststellen, dass es sich beim Leiden der Patienten um das Restless-Legs-Syndrom handelt?
Es gibt leider keinen endgültigen Nachweis. Die aktuell gütigen Diagnosekrikterien von Restless Legs hängen von der positiven Antwort auf folgende vier Fragen ab:

  1. Kennen Sie ein seltsames Gefühl, vorwiegend in den Beinen?
  2. Wenn ja: Tritt es eher abends bzw. nachts auf?
  3. Wenn ja: Haben Sie das Bedürfnis, sich zu bewegen, wenn das Gefühl auftritt?
  4. Wenn ja: Wird das Gefühl bei Bewegung besser?

Unterstützende Krieterien sind:

Christian Neumann ist Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, FA Schlafmedizin.

In einem zweiten Interview erklärt Christian Neumann dann, wie man mit RLS umgehen kann.

 

Die mobile Version verlassen